Pyrotechnik

„Pyrotechnik ist doch kein Verbrechen!“

Lautet ein bekannter Slogan, der von nahezu allen deutschen Fanszenen getragen wird.
Besonders nach den „Vorfällen“ beim Spiel Borussia Dortmund gegen Dynamo Dresden, im DFB-Pokal, flammte die Debatte um Pyrotechnik und Gewalt beim Fußball erneut auf.

Eine interessante Wendung, während man noch vor 10 Jahren, oder auch heute bei Spielen in Südamerika, von fantastischer Stimmung und südländischer Atmosphäre sprach, wenn Bengalische Lichter im Stadion aufflackerten, spricht man heute von Ausschreitungen und kriminellen Elementen, sowie Subjekten die den Fußball zerstören.
Doch ist es wirklich so? Ist Pyrotechnik gleich Gewalt? Ist die Gewalt heutzutage in neue Dimensionen vorgestoßen?

Pyrotechnik wird mindestens einmal im Jahr von nahezu allen Bevölkerungsschichten abgefeuert, wenn es gilt das neue Jahr zu begrüssen. Sind wir dann etwa alle Gewalttäter? Eine interessannte aber auch gewagte These.
Nein! Pyrotechnik ist für mich nicht gleich Gewalt. Sie ist ein Stilmittel um Emotionen auszudrücken, sei es bei einer Hochzeit, einem runden Geburtstag, zu Silvester oder ab auch beim Fußball.
Sicherlich beim Fußball müssen die Dinge anders betrachtet werden, da die Pyrotechnik da meist aus einer großen Menschenmasse herraus gezündet wird und dies natürlich kleinere Gefahren bietet.
Die Kampagne „Pyrotechnik legalisieren, Emotionen respektieren!“ setzt sich für eine Legalisierung von Pyrotechnik beim Fußball ein. Nicht einfach so legaliseren, sondern unter gewissen Gesichtspunkten. Eigens dafür eingerichtete Pyrozonen, nur nach Anmeldung durch den Verein und vorallem ohne Böller und Leuchtspurgeschosse.
Ein durchaus interessanter Ansatz, findet auch ein Großteil der deutschen Ultraszene und schloss sich der Sache an. Dies ist nach der Fandemo in Berlin 2010 der zweite große Interessenpunkt, welcher szeneübergreifend und ohne Feindseeligkeiten untereinander angegangen wird.

Die Kampagne hatte zunächst auch Erfolg, es wurden Gespräche mit dem DFB und der DFL geführt und erste Lösungsansätze erarbeitet. Schlussendlich einigte man sich auf den Kompromiss, dass die Fanszenen die ersten drei Spieltage auf Pyrotechnik verzichten, und danach können man lokale Pilotprojekte zur Legalisierung von Pyrotechnik starten.
Nach dem Pyroverzicht der Szenen, wurde diesen Plänen vom DFB aber ein Riegel vorgeschoben. Was folgte war ein massiver Vertrauensbruch im Dialog der beiden Parteien. Die Fanszenen reagieren auf ihre Weise auf die Ansage des DFB. Sie zünden weiter Pyrotechnik. Weil sie sich dessen bewusst sind, dass sie zwar eine Strafe erhalten werden und dennoch nicht auf Pyrotechnik verzichten wollen. Oder wie es in einem offenen Brief, einiger Wissenschaftler, zum Thema Fußball und Gewalt heisst:

„Ultras wissen, dass sie eine Strafe erwartet und werden diese bei angemessenem Strafmaß auch antreten. Dies muss eine Demokratie aushalten. Während Sie diesen Brief lesen, fahren viele tausend Menschen in Deutschland mit Kalkül viel zu schnell in ihrem Auto und gefährden dadurch die Unversehrtheit und das Leben von sich und anderen. Sie tun dies, obwohl sie wissen, dass es illegal ist, im vollen Bewusstsein der zu erwartenden Strafe. Die Leistungsfähigkeit von Autos wird dennoch nicht reduziert. Das hält eine Demokratie bereits aus.“

Quelle: http://www.gerd-dembowski.de/wordpress/?p=65

Dieser Diskussionsabbruch führte dann auch zu den Vorfällen beim DFB-Pokalspiel zwischen Dortmund und Dresden. Neben den im Fernsehen zu sehenden Pyroaktionen, wurden zusätzlich noch Sachbeschädigungen in hohem Wert getätigt, welche zu keiner Zeit entschuldbar sind und beim Fußball wirklich nichts zu suchen haben.
In der folgenden medialen Debatte wurde immerwieder von schweren Ausschreitungen und massivsten Randalen gesprochen, natürlich Untermalt mit jedermenge Bilder der pyrotechnischen Aktion.
Hierbei fand keine Trennung zwischen Pyrotechnik und Gewalt statt. Stattdessen wurde durch diese einseitig und geradezu hetzerische Berichterstattung, die gesamte dresdner Fanszene als Gewaltverbrecher und Pyromanen, welche den Fußball zerstören wollen dargestellt.
Berichte die sich sachlich und kritisch mit dem Thema auseinandersetzten, wie dieser von Nicole Selmer, waren eher eine Seltenheit.

Was folgte waren intensiverer Debatten, Wortäußerung von sogenannten Fanexperten und Polizeigewerkschaftsführern, welche nahezu alle von einer neuen Dimension der Gewalt sprachen und mehr Repressionen im Umgang mit Fußballfans vorschlugen. Dabei kam es zu Ideen, wie Dauerkartenverbote für bekennende Ultras, komplette Versitzplatzung von Stadien oder gar die Einführung eines Fanausweises, welche die Personalien der jeweiligen Person beinhalte.
Datenschutz ade´, ole ole!

Das ZDFinfo übertrug letzte Woche eine Sendung zum Thema Fußball und Gewalt, in der Vertreter der Polizei, des DFB und der Fans miteinander ins Gespräch kommen sollten. Dazu konnten Anregung von den Zuschauern eingebracht werden.
Die Sendung nannte sich ZDFlogin und war sehr Interessant. Bedauerlicherweise gelang es auch hier nicht, ein differenziertes Bild auf die Fanszenen zu werfen, so dass nahezu bei jedem Einspieler die Fans von Dynamo Dresden zu sehen waren.
Dynamo Dresden, wurde kurz vorher nach Meinung des DFB von der Pokalrunde in der nächsten Saison ausgeschlossen werden sollte. Auch dies ein völlig übertriebener Schritt und eher eine Bestrafung der unschuldigen Dynamofanszene.
In dieser Sendung kam auch das immerwieder gern diskutierte Thema zur Kennzeichnungspflicht von Polizisten auf, welches der Vertreter allerdings mit den Worten abbügelte, dass dies nicht nötig sei, da eh jeder Polizeieinsatz genaustens ausgewertet werde.
Aha! Ich musste lachen und erinnerte mich an interessante und grenzwertige Einsätze, während meiner Fußballausflüge zurück.

Der Vertreter vom DFB wurde von Minute zu Minute stiller und kam mir mehr und mehr peinlich berührt, obgrund der Aussagen des Polizisten, vor. Auch zum Abbruch der Diskussionen mit der Kampagne konnte er keinerlei verständliche Erklärung beitragen.
Lediglich der Vertreter vom Bündnis Aktiver Fußballfans machte eine überzeugende Figur und betonte immerwieder, dass die Fans auf Augenhöhe diskutieren möchten. Dies hornorierten auch die Zuschauer, und so waren am Ende der Sendung ca. 85% seiner Meinung. Die ganze Sendung kann man sich hier nocheinmal ansehen und sich ein eigenes Bild machen.

Was bleibt ist weiterhin das Bild des DFB`s der sachliche und zielführende Gespräche mit den Fans auf Augenhöhe ablehnt. Ein Umstand der mehr und mehr zu Frust in breiten Teilen der Fanszenen führt. Die zunehmenden Polizeieinsätze und die Pauschalisierung aller Fußballfans, als kriminelle, führen zu weiterem Frust. Auch in meinem Umfeld höre ich von gestanden Familienvätern, dass sie diesen Umstand nicht mehr länger hinnehmen möchten.
Eine Debatte die also nicht nur die Ultras sondern uns alle betrifft.

Und eine Debatte, welche man nur auf Augenhöhe lösen kann. Das angesprochene Gewaltproblem in der neuen Dimension, ist in meinen Augen ein Mediengespenst, welches von der Realität ablenkt. Gewalt in neuer Dimension? Für mich sind die Vorgänge heutzutage nicht mal annähernd mit dem Fußball und seinem Fanumfeld zu den 70ern und 80ern, oder gar zu Beginn der 90er zu Vergleichen.
Aktuell kann man gemeinsam an den Problemen im Umfeld des Fußball arbeiten. Dies geht aber nur über Diskussion auf Augenhöhe, über sozialpädagogische Betreuung von Fußballfans in Fanprojekten und vorallem über die Öffnung gegenüber neuem.

Eine legalisierte Pyrotechnik nach den Regeln der Kampagne „Pyrotechnik legalisieren, Emotionen respektrieren!“ verringert das Risiko durch Verletzungen drastisch, und es würde erheblich zu einer Entspannung der Lage beitragen.
Pyrotechnik wird so oder so weiter gezündet, es ist wie mit dem Autofahrer, der weiterhin zu schnell fährt, von daher wäre eine Diskussion auf Augenhöhe und somit die Stärkung der Selbstregulierung der Fanszene erheblich sinnvoller, als das Androhen von weiteren Repressionen, als Kollektivstrafen und als Strafen die der Verein zu tragen hat.

Auch die Finanzierung von sozialpädagogischen Fanprojekten sollte angehoben werden, da mit diese nach den Standardts des Nationalen Konzept Sport und Sicherheit arbeiten können.
Denn eine neue Dimension der Gewalt haben wir nicht erreicht, sondern vielmehr die Gewalt ansich schon eingedämmt, auch dies ist ein Verdienst der Fanprojekte.


3 Antworten auf „Pyrotechnik“


  1. 1 NORTHEND 18. November 2011 um 0:35 Uhr

    Ich gieße mal Öl ins Feuer … über verschiedenste Quellen weiß ich um den besonderen Reiz der Pyrotechnik – vor allem WEIL ein Verbot darüber liegt.
    Es gibt nicht wenige Stimmen, die das organisierte und genehmigte Lodern einfach nur angepasst und langweilig empfinden.

    Kirschen schmecken geklaut auch besser als geschenkt.

    Kann sein (!) das sich viele einfach nur hinter der Kampagne verstecken …

    NORTHEND

  2. 2 chaosblogger 18. November 2011 um 23:12 Uhr

    Interessanter und sicherlich auch spannender Aspekt!

    Dennoch würde ich der deutschen Ultraszene durchaus die Ernsthaftigkeit der Kampagne abnehmen.

    Zuviele Nachteile entstehen beim verbotenem Zündeln. Z.B. ständig intensive Kontrollen, teilweise mit Verletzung der Persönlichkeitsrechte, Stadionverbot bei erwischen, drastische Strafen für den eigenen Verein usw.
    Sicherlich verbotenes hat seinen Reiz und wird manchmal getan weils verboten ist.
    Dennoch denke ich das es sich um eine ernsthafte Kampagne handelt und ihrer Unterstützer ebenfalls den Ernst der Lage erkennen.

    In Holland wird übrigens auch immernoch gekifft! ;)

  3. 3 NORTHEND 19. November 2011 um 21:30 Uhr

    … oder anders ausgedrückt – es würde mich nicht wundern, wenn bei einer Erlaubnis von kontrolliert eingesetzter Pyrotechnik dennoch weiterhin unkontrolliert gezündelt würde.

    Die Ernsthaftigkeit der Kampagne möchte ich tatsächlich nicht zwingend anzweifeln … und bin ein Freund guter Kompromisse. Was die Szene letztlich daraus macht, das wissen wir alle nicht.

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